11.04.2013

Lesen im Jugendarrest

Drei Regale fasst die evangelische Bücherei im Jugendarrest Remscheid. Ein Leseangebot für Jungen von 14-22 Jahren, die zu 1 bis 4 Wochen Arrest verurteilt sind.

Worin unterscheidet sich diese Bücherei von der Arrestbibliothek? Bei mir stehen die Jungen selbst vor dem Regal, können die Bücher in die Hand nehmen und auswählen. In der obersten Reihe steht Fantasyliteratur. Die neu aufgenommenen Percy-Jackson-Bücher werden gern gelesen – auch weil sie ein umfangreiches Lesevergnügen bieten. Auf Augenhöhe gestellt sind die Bücher zur Lebenswelt meiner Leser: Freundin, Schwangerschaft, Vater-werden, Drogengeschichten, Gewalt, Familienstreß, Freundschaft, Zukunftspläne, die Schuldfrage, Straßenkinder, Heim, Knast. Hier finden die Jungen manche eigene Erfahrung in einer gut erzählten Geschichte wieder. Und zugleich erfahren sie Anstöße, lösungsorientiert weiterzudenken. Zuunterst stehen noch einige Fachbücher zum Umgang mit Kleinkindern und dann eher Geschichten der reinen Unterhaltung. Auch sie haben bei mir ihr Recht. Den Büchereibestand dokumentiert http://www.ekir.de/lennep/seelsorge/evangelische-buecherei-257.php

Die meisten Jungen haben seit Jahren kein Buch mehr angefasst. Hier, stundenlang allein auf Zelle, suchen sie Lesestoff, um sich abzulenken. Immer wieder finden Jungen so „zum Buch“. Sie entdecken, dass es Bücher gibt, die es wert sind, gelesen zu werden. Und sie zählen stolz die gelesenen Seiten. Doch meine Leser sind im Umgang mit Büchern ungeübt. Ein Lesestopp wird mit Bleistift markiert; manchmal bleiben Bilder und Kommentare im Buch zurück. Da hilft auch ein extra gefertigtes Lesezeichen (mit einem Arrestkalender) und freundliches Bitten nicht immer. Meine Bücherverluste sind aber gering; zuletzt traf es den „Joker“ (M. Zusak) und die „Ameisensiedlung“ (M. Günter). Ich hoffe da auf einen sehr interessierten Leser.

Bei jeder Rückgabe gibt es zumindest ein kurzes Gespräch über die Geschichte und die Gedanken des Lesers dazu. Mich interessiert, wie ein Buch ankommt, und welche Fäden sich daraus entspinnen lassen. Für mich sind die Bücher Türöffner zum Leben meiner Jungen. Nie geht es mir um eine Lesekontrolle. Ich vertraue darauf: eine gute Geschichte wirkt von selbst im Leser fort. Das bestätigen mir auch die Jungen. So bleibt die Hoffnung, dass sie auch „draußen“  wieder einmal zu einem guten Buch greifen werden.

 Pfarrer Dr. Wolfgang Schütte

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